Erst hui, dann pfui?

Wenn man sich im Internet auf Blogs, Beiträgen in Zeitschriften oder sonst wo über Polyamorie erkundigt, dann wird als größtes Problem in Mehrfachbeziehungen immer die Eifersucht angeführt. Ich selbst kann jetzt nicht unbedingt sagen das ich übermäßig eifersüchtig wäre. Ich gönne es meiner Frau sogar, das Gefühl von zwei Männern gleichzeitig geliebt und begehrt zu werden. Ich stelle mir das selbst sehr überwältigend vor.

Was ich jedoch sagen kann, ist das ich gerade am Anfang, Angst und vor allem Neid empfunden habe.

Der Neid richtete sich hauptsächlich darauf, das Chip durch seine Arbeitszeiten mehr Zeit mit meiner Frau verbringen konnte als ich.
Das wir zwei vorher nicht übermäßig viel Zeit zusammen haben in der Woche war nie ein Thema. Aber jetzt, wo es jemanden gab der dies konnte, wurde es plötzlich eines. Dieser Neid wurde dann durch die Angst geschürt, das Ihre Gefühle für mich deshalb weniger werden könnten, oder das er mir einfach gesagt, den Rang ablaufen könnte.

Heute, nach knapp 6 Monaten weiß ich das es ganz und gar nicht so ist. Aber die ersten 2 Monate waren dadurch teilweise schon eine ziemliche Herausforderung. Das kleine Teufelchen auf der Schulter, die vielen Dramen die man im Kopf durchspielt, Gespräche die nie stattgefunden haben die jedoch trotzdem das Selbstvertrauen torpediert haben. Das alles war gerade am Anfang dieser Beziehung wirklich schwer zu verarbeiten.

Man(n) ist geprägt durch die Vorstellung in der Beziehung die Führungsposition zu haben, was die Liebe angeht, die Leidenschaft, die Qualität des Sex. Man(n) muss für die Frau die Nummer eins in allem sein, sonst macht Man(n) ja irgendwas falsch.

Oder?

Ich brauchte eine ganze Weile um zu verstehen das sich all das, gar nicht geändert hatte und es gar keine Hierarchie dazu gibt, aber ich es genau so wahrnahm.
Ich brauchte auch sehr lange um zu verstehen das ich Ur-Plötzlich nur noch das negative sah. Die Positiven Aspekte, das schöne, das ging alles ganz selbstverständlich an mir vorbei.

Und dann musste es natürlich irgendwann knallen.

Wenn wir miteinander schliefen, dann war es am Anfang für mich sehr ungewohnt plötzlich zu dritt zu sein. Ich stellte es mir einfacher vor in dieser Situation meinen „Mann“ zu stehen. Aber gerade die Anfangszeit war geprägt von Nervosität und überwältigender Erregung.

Zeitgleich mit dem Beginn dieser Beziehung fing ich an meine Ernährung radikal zu ändern, was im Klartext bedeutete das ich weniger als die Hälfte von dem was ich vorher am Tag gegessen hatte zu mir nahm.

Die Essensumstellung, die Nervosität, das alles wurde mir zum Verhängnis, mein Stehvermögen brach ein und ich brauchte auch deutlich länger bis ich überhaupt auf Betriebstemperatur war.
Gleichzeitig war da dieser neue jüngere, schlankere und deutlich „größer“ ausgestattete Liebhaber der diese Probleme anscheinend nicht hatte. Er stand wie auf Kommando, konnte mehrfach hintereinander zum Orgasmus kommen ohne abzustürzen , während ich selbst wie eine Muskete nach einem Schuss für Stunden aus dem Spiel war. Er war mir gefühlt deutlich überlegen.

In diesem Moment brach für mich eine kleine Welt zusammen, mein Kopf spielte alle Möglichen Szenarien durch, vom verlassen werden, über die Angst nicht mehr gut genug für sie zu sein bis hin zum totalen Versagen in allen Bereichen.

Umso länger mein Körper nicht die Leistung abrufen konnte die ich wollte, umso stärker wurde der Druck den ich mir selbst auferlegte. Ich wollte unbedingt etwas das vorher bereits Monatelang nicht klappte wie z.B. eine Fitness zu haben die mit 130kg Lebendgewicht gar nicht funktionieren konnte, ich eröffnete den Teufelskreis.
Irgendwann gingen dann die Nerven mit mir durch und es knallte ordentlich. Ich beschwerte mich bei meiner Frau über mich selbst, das ich nur 5 Minuten am Stück schaffen würde während er mit Leichtigkeit 20 Minuten durchhielt. Das er so deutlich besser wäre als ich. Das mir meine Frau nicht mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat war eigentlich ein kleines Wunder, ich hätte es durchaus verdient gehabt, den unbedacht machte ich Ihr damit den Vorwurf das sie sich viel mehr auf Chip konzentrieren würde als auf mich. Ich machte mir Gedanken über Dinge die so gar nicht passierten. Ich nahm eine Welt wahr, die gar nicht real existierte. In der ich komplett versagte, in der meine Frau mich nicht mehr liebte. Aber das alles passierte nur in meinem Kopf…

Ich fing an mich wieder zusammen zu reißen. Und mit den folgenden Tagen schaffte es mein Selbstvertrauen auch wieder an die Oberfläche zurück. Mein Körper gewöhnte sich in der nächsten Zeit an den neuen Energiehaushalt und meine Frau zeigte mir intensiv das sie mich nach wie vor liebte, das ich ihr nach wie vor Freude bereitete, dass eigentlich alles ok war und es sich doch gar nichts zu vorher geändert hatte. Ich war einfach nur blind, blind für das was vor mir passierte.

Ungefähr 2 Wochen nach diesem kleinen Nervenzusammenbruch ging es mir wieder gut, ich sah wieder das was wirklich war, dass ich eine Frau habe, die zwei Männer liebt, die den Rausch des frisch verliebt sein’s noch einmal neu erleben darf und nun noch stärker aufblühte als sie es vorher schon getan hat.

Die Probleme im Bett verflogen wieder, durch die inzwischen 15kg weniger war auch ein gutes Stück Fitness wieder da das ich so schmerzhaft vermisste und die negativen Gedanken verschwanden. Das brachte mich dann wieder endgültig zurück in die Spur. In unserer Beziehung spielt der Spaß am Sex eine große Rolle und gerade weil ich selbst unheimlich viel Spaß daran habe, waren diese Umstände so ein großes Problem für mich.

Ich sage nicht das alle Probleme gelöst sind, das kleine Teufelchen auf der Schulter pickst noch immer mit seinem Dreizack wo er nur kann. Ich denke das liegt vor allem an der Prägung auf eine Beziehung zwischen 2! Menschen und die falsche Vorstellung immer der beste für den Partner sein zu müssen. Es gibt immer wieder Momente in denen mein Kopf irgendwelche Situationen konstruiert oder mich zweifeln lässt.

Aber wenn ich nach Hause komme, meiner Frau in die Augen sehe und ihre unendliche Liebe darin entdecke. Dann sind diese bösen Gedanken wieder weg.

Dieses Gefühl, sie zu sehen, so glücklich, so zufrieden. Es ist wirklich wunderschön und überwältigend.

Die Freundschaft zwischen mir und Chip ist inzwischen auf einem Level angekommen, bei dem man eigentlich nicht mehr von Freundschaft, sondern von einer Beziehung sprechen kann. Nichts sexuelles, aber Intim. Ich mag ihn wirklich sehr, ich schätze ihn, ich mache mir manchmal Sorgen um ihn. Ich achte darauf wie er sich verhält. Das alles auf eine sehr ehrliche und innige Art und Weise.

Und genau das ist es auch, was diese ungewöhnliche Lebensweise für mich so wundervoll macht. Die Liebe teilt sich nicht, sie wird ganz schlicht immer mehr. Es ist aber auch ein andauernder Kampf mit sich selbst, man wird sehr einfach auf die negative Seite gezogen und muss versuchen den Fokus auf das positive nicht zu verlieren. Das ist gar nicht so einfach.

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